12. Station:   Jesus stirbt am Kreuz.

Ein Kreuzweg

Titel: Ein Kreuzweg
Jahr: 2016
Maße: 14 Tafeln, je 29,7 cm x 21,0 cm (A4)
Material: etwa 80 Jahre altes handgewebtes, ungarisches Leinen, schwarzes Vierfachgarn
Technik: graphische Schwarzstickerei

Auch in diesem Jahr erzähle ich in meinen Arbeiten wieder Geschichten, die es zu entdecken und zu lesen gilt. Diesmal ist es eine der ältesten Geschichten der Menschheit, unter dem Titel „EIN KREUZWEG“ vom 4. bis 24. März 2016 zu sehen bei Schmitt Paramente, Köln.

 

In meinen Arbeiten erzähle ich Geschichten, die es zu entdecken und zu lesen gilt. In meiner diesjährigen Ausstellung ist es eine der wohl ältesten Geschichten der Menschheit: der Kreuzweg.

Die Tradition der Kreuzwege fand ihren Ursprung bereits im Jerusalem der Antike. Damals hielt man jedoch nur an zwei Stationen inne, am Haus des Pilatus und auf dem Hügel mit Namen „Golgatha“. Über die Pilger, die das Heilige Land besuchten, kam die Tradition im Laufe der Zeit auch nach Europa. Seit dem Mittelalter sind Kreuzwege auch im deutschen Sprachraum bekannt, aber erst seit dem Barock kennt man ihn mit den heute bekannten 14 Stationen.

Vor allem in schwierigen Zeiten, etwa nach Kriegen, haben sich Künstler mit diesem Thema auseinandergesetzt, u. a. so berühmte wie Joseph von Führich, der „Vater“ des sog. Nazarener-Stils, aber auch Musiker wie zum Beispiel Franz Liszt mit seiner Komposition „Via crucis“. Schon seit einer geraumen Zeit hat auch mich dieses Thema beschäftigt und nach den traurigen Ereignissen der jüngsten Vergangenheit reifte im vorigen Jahr der Wunsch, das nun umzusetzen.

Als Stickgrund habe ich altes handgewebtes, ungarisches Leinen gewählt. Es ist gebleicht und weist neben dem typischen Mittelknick eine Vielzahl von Falten auf, die nicht zu entfernen sind, weil die Fasern aufgrund ihres Alters an dieser Stelle gebrochen sind. Diese vermeintlichen Fehler habe ich mir jedoch zunutze gemacht und in die Gestaltung mit einbezogen. Nach einer Farbgebung im Aquarell-Verfahren erinnert das Leinen so an die Gewänder der damaligen Zeit. Diese Färbetechnik erlaubte mir außerdem eine gezielte Einfärbung, z. B. bei der 12. Station: „Jesus stirbt am Kreuz.“ Dazu steht in der Bibel sinngemäß: „…und der Himmel verdunkelte sich“. Und auch an anderen Stellen ist diese Technik gezielt eingesetzt.

Die gewählte Sticktechnik, die grafische Schwarzstickerei, hat eine zwar reduzierte, aber nicht minder ausdrucksstarke Bildsprache. Bei ihr wird im Gegensatz zu der traditionellen Schwarzstickerei nicht in kleinen Mustern, sondern in einfachen, grafischen Linien gestickt. Außerdem erlaubt diese Technik eine größtmögliche Abstraktion und eröffnet damit dem Zuschauer die Möglichkeit der weitgehenden persönlichen Interpretation. Das war mir bei einem solchen Thema besonders wichtig.

Ein weiteres Gestaltungsmerkmal sind die vermeintlichen Missverhältnisse in der Größendarstellung u. a. des Kopfes und der Hände. Damit wird die geistige Ohnmacht ausgedrückt, z. B. als in Station I Pilatus das Urteil spricht, eine – zumindest vorerst – geistige Gewalt gegen Jesus. Ähnlich ist es in Station X, als er seiner Kleider beraubt wird, oder in Station XI, als er ans Kreuz genagelt wird. Die körperliche Gewalt, die er nun erfahren muss, ist z. B. in der größer dargestellten, geballten Faust seines Peinigers zu erkennen. Dieser Gewalt kann er sich nun nicht mehr entziehen, er kann ihr nicht mehr entfliehen. In dieser und der nächsten Tafel fehlt daher bewusst die Darstellung der Füße.

Ähnlich ist der jeweils gewählte Bildausschnitt zu beurteilen: Eine so persönliche, ja fast intime Darstellung wie die Begegnung mit seiner Mutter tritt in den diskreten Hintergrund, während die Hilfe von Simon von Cyrene näher in den Blick des Zuschauers gerückt wird und den Rahmen fast sprengt.

In all diesen Gestaltungselementen sehe ich jedoch nicht nur eine Darstellung der damaligen Handlung, sondern auch einen für mich deutlichen aktuellen Bezug. Als einzige Person in der ganzen Geschichte ist Veronika mit einem Gesicht dargestellt. Ihre Hilfe hat damit einen Namen erhalten und wird so in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Das spannt den Bogen zur aktuellen Situation, der vielfältigen, ebenfalls meist namenlosen Hilfe, ohne die die aktuelle Flüchtlingssituation wohl bei Weitem nicht zu bewältigen wäre.

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt.
1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt.
2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.
2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern.
3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.
3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.
4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter.
4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter.
5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.
5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.
6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.
6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.
7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz.
7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz.
8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen.
8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen.
9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz.
9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz.
10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt.
10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt.
11. Station: Jesus wird an das Kreuz genagelt.
11. Station: Jesus wird an das Kreuz genagelt.
12. Station: Jesus stirbt am Kreuz.
12. Station: Jesus stirbt am Kreuz.
13. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt.
13. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt.
14. Station: Der Leichnam Jesu‘ wird in das Grab gelegt.
14. Station: Der Leichnam Jesu‘ wird in das Grab gelegt.

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